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25.03.2014 Perspektivenwechsel – Pressebericht zur toP-Veranstaltung „Menschen im Nahen Osten auf der Flucht“

25.03.2014  Perspektivenwechsel – Blick auf Flüchtlingsschicksale bereichert Debatte in Putzbrunn – SZ: David Ehl, SZ_25.03.2014_2

Putzbrunn – Die Kinder haben keine Spielsachen. Also behelfen sie sich. Sie stellen sich mit einer Schnur an den Abwasserkanal des Lagers und tun so als wären sie Angler. Gesund kann das nicht sein. Aber es ist wenigstens eine Beschäftigung in dem von Tristesse geprägten Alltag der Flüchtlinge in dem Camp. Thomas Prieto Peral versucht vor rund 60 Bürgern im Putzbrunner Bürgersaal rüberzubringen, was es bedeutet, als Flüchtling vor dem Nichts zu stehen. Er zeigt auf Einladung der Initiative Tolerantes Putzbrunn “ToP” Fotos von Kindern, von Zeltstädten und Menschen in zerlumpter Kleidung und erzählt von deren Schicksal.

Im Irak leben 60 000 Flüchtlinge in einem Camp. Putzbrunn erwartet 60

Prieto Peral ist Referent für Weltverantwortung bei der Evangelischen Landeskirche. Er ist an diesem Abend Gast in einer Gemeinde, die eine monatelange Kontroverse über den Bau einer Unterkunft für Asylbewerber gespalten hat. Die ToP entstand als Reaktion darauf. Mitgründerin Irene Martius sagt, wie wichtig solch ein Vortrag sei, „damit die Leute auf Basis von Informationen anders beurteilen können“. Leider erreiche man damit immer nur diejenigen, an denen gar keine Überzeugungsarbeit nötig ist. „Aber auch den Leuten, die ohnehin dafür sind, fehlen Informationen. Es geht darum, sie diskussionsfähig zu machen.“ Mit konkreten Argumenten könnte man langfristig eben doch eine Breitenwirkung erzielen. Derzeit leben zwei irakische Familien im alten Pfarrhaus, mit der Fertigstellung des neuen Heims soll die Zahl der Asylsuchenden auf etwa 60 anwachsen.

Über die Fotos und Geschichten hinaus, die Thomas Prieto Peral auf einigen Reisen hauptsächlich in den Nordirak gesammelt hatte, liefert er in seinem Vortrag einige Hintergründe und Fakten. So seien etwa 25 Prozent der 20 Millionen Syrer auf der Flucht, mehrere Millionen hätten die Landesgrenzen überquert. Die Evangelische Landeskirche engagiert sich unter anderem im Flüchtlingslager Domiz im Nordirak, das derzeit etwa 60 000 Menschen beherbergt. Diese Zahlen setzten die 60 Asylsuchenden, die nach Putzbrunn kommen sollen, in ganz andere Relationen, findet Martius.

Im Nordirak werden die Flüchtlinge ganz anders wahrgenommen als hierzulande, sagt Prieto Peral. „Die Furcht vor dem Wohlstandsverlust ist etwas typisch Zentraleuropäisches.“ Die ortsansässigen Kurden thematisierten eher den Wandel, den neue Ethnien in das gesellschaftliche Gefüge brächten. Solange ein Flüchtling keine Gelegenheit zu Arbeiten habe, mache es wenig Unterschied, ob seine Familie in Deutschland oder Domiz sitze, ordnet Pietro Peral ein. Die Lage ändere sich, wenn Flüchtlinge in Deutschland eine Aufenthaltsgenehmigung bekämen – dann dürften sie auf den Arbeitsmarkt und hätten eine Perspektive. Toleranz ist das eine. Thomas Prieto Peral hat darüberhinaus das Schicksal der Flüchtlinge zu seinem Anliegen gemacht. Er gibt den Putzbrunnern auf den Weg: „Es ist alles eine Frage der Empathie.“ Er engagiert sich neben seiner Arbeit in einer Stiftung. Damit die Kinder in Domiz nicht weiter am Abwasserkanal spielen müssen, will er einen Fußballplatz anlegen. Prieto Peral hofft auf den FC Bayern als Mitstreiter: Er habe sogar schon Uli Hoeneß‘ private Nummer bekommen, „aber der hat mittlerweile andere Probleme“.  DAVID EHL